Lob des Lungerns

Lungern, lungern … wo kommt das Wort eigentlich her? Lungern… was sagt Kluges etymologisches Wörterbuch? „Herkunft unklar.“ Aha. Hat was mit gelingen zu tun, auch mit begierig, neugierig. Im Englischen gibts den wundervoll bildhaften Begriff des  lounge lizard, also der Echse, die in der Hotellounge, eben: lungert. Wie das Echsen so tun. Herumlungern. Im Übergangsbereich zwischen hier und dort.

Ich lobe das Lungern in der Schreibwerkstatt, wenn SchreiberInnen an ihre Grenze kommen. Zum Beispiel in den Morgenseiten: 3 Seiten handschriftlich morgens nach dem Aufwachen, mit der Technik des Automatischen Schreibens nach André Breton, also: alles was in den Kopf kommt, aufs Papier. Ohne Rechtschreibung, Stil, ganze Sätze und Sinn. Darauf kommts nicht an. Und wenn, und das ist der springende Punkt, wenn nichts in den Kopf kommt, dann: Kringeln. Wie die Kinder: kringeln. Den Akt des Schreibens nicht verlassen, im Fluss bleiben und wenn nix kommt, eben kringeln.
Und dann kommen Menschen manchmal an ihre Grenze: „Mir fällt nix ein, also hör ich auf.“ „Mir fällt nix ein, also bin ich blöd.“ „Mir fällt nix ein, also ist die Schreiblehrerin schuld: blöde Schreibaufgabe das.“ Und interessant ist eben, was wir tun, wenn wir an unsere Grenzen kommen: Flüchten, gegen sich selber kämpfen, gegen andere kämpfen… Und in den Morgenseiten kann ich das sozusagen unterm Mikroskop beobachten, was ich tue, wenn ich an der Grenze bin. Weil ich ja Morgenseiten schreibe, und da kann ich alles aufschreiben, was mir in den Sinn kommt. Und wenn die Grenze mich paralysiert? Wenn da gar nichts mehr fließt?  Wenn ich einfach nicht mehr kann? Wenns nicht weitergeht?

– Lungern. An der Grenze lungern. Nicht weglaufen, nicht kämpfen, auch nicht mit Gewalt standhalten, nein: entspannt lungern. Lounge lizard. Abwarten. Im Bereich des Caterings bleiben. Lungern. Einfach Kringel malen. Bisschen neugierig vielleicht auch. Aber lässig. Wie wirds weiter gehen?
–  „Die der Situation innewohnende Weisheit wird sich zeigen“, sagt das Tao.

Und bis dahin wird eben gelungert.   

Donald lungert im Strandkorb

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Eine Antwort auf Lob des Lungerns

  1. Elis Schibel sagt:

    Lungern, rumhängen wie in der Hängematte, alle Fünfe gerade sein lassen, schlunzen Ha ich glaube Schlunzen ist mein Lieblingswort. Und ich weiß nicht mal, ob es das im Sprachgebrauch gibt. Könnte ein Familien Wort sein. Also wunderbarer Text über das Lungern. Vielen Dank. Sehr ermutigend in dieser Dunklen Zeit.
    Viel Spaß beim Lungern 🙂 Elis

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