Zum Abschluss der Lebenskunstgespräche: Gedankengärtlein – Hypomnemata

ilg-09_kl_1Wir kamen gestern, als wir über Gärten und Gärtnern nachdachten, darauf, dass manche geistige Verfassung  ihr Äquivalent in gärtnerischen Tätigkeiten findet: „Wenn ich was entscheiden muss, dann gehe ich manchmal mit der Rosenschere in den Garten und schneide verblühte Blüten ab. Das ist dann mit den Händen eine Tätigkeit wie im Kopf: ent-scheiden.“  Oder: „Manchmal muss ich  in meinen  Gedanken Ordnung schaffen: dann  geht’s dem Löwenzahn an den Kragen und ich rupfe und drehe mit bloßen Händen die langen Pfahlwurzeln aus der Erde. Das freut mich dann sehr.“ Eine Teilnehmerin berichtete von therapeutischen Gärten in der Psychiatrie und Geriatrie, die dort  – vielleicht aus ähnlichen Gründen – als heilsam gelten. Ich könnte mir einen Heilpflanzen-Garten, vor allem mit Duft-Pflanzen, auch in der Reha vorstellen.
Später kamen wir auch noch auf die schriftlichen Gedankengärtlein, die Hypomnemata, die in Wikipedia so beschrieben werden:

Hypomnema (altgriechisch Neutrum: ὐπόμνημα, Plural: ὐπομνήματα, hypomnēmata) ist ein antikes literarisches Genre. Der Begriff setzt sich aus der altgriechischen Präposition Hypo- (ὑπό, unter, nieder) und Mneme (Μνήμη, Erinnerung) zusammen und bedeutet wörtlich etwa Niederlegung der Erinnerung.
Hypomnemata waren in der Antike Schreibhefte und Notizbücher. Sie dienten als Gedächtnisstützen, waren aber auch persönliche Leitfäden zur Lebensführung. In sie trug man Zitate, Teile von Arbeiten, Aphorismen und Beispiele ein. Aber auch Handlungen, deren Zeuge man gewesen war oder über die man Berichte gelesen hatte, Gedanken und Überlegungen, die man gehört hatte oder die einem selbst in den Sinn gekommen waren. Das Hypomnema bildete ein materielles Gedächtnis gelesener, gehörter und gedachter Dinge und bot diese dem Benutzer als einen angehäuften Schatz zum Wiederlesen und für spätere Meditationen an.
Hypomnemata sind nicht zu verwechseln mit Tagebüchern, da sie keine Berichte waren, die der Schreiber von sich selbst gab, sondern eine Zusammenfassung von Sätzen zur Reflexion und Selbstkonstituierung bzw. Selbstbetrachtung.
Zu ihrer eigentlichen Bedeutung gelangten die Hypomnemata in der Spätantike. Sie waren für die Stoiker, aber auch für die ersten christlichen Kirchenväter ein unverzichtbares Instrument der Sammlung, Ordnung, Reflexion und Selbstbetrachtung. Die Schrift ersetzte den Blick des Freundes in der Selbstprüfung.
Der französische Philosoph Michel Foucault verwendet das Wort im Sinne von „Notiz“ und im Zusammenhang mit Senecas Übungen der Selbsterkenntnis. Foucault schreibt: „In diesem Zeitraum gab es so etwas wie eine ‚Kultur des persönlichen Schreibens‘: Erkenntnisse und Reflexionen aus Gesprächen, die man selbst gehört oder geführt hat, die aufgrund ihres persönlichen Werts für den Schreiber gelegentlich neu gelesen werden müssen.“[1]

Zum Ende des Gesprächs erfreute uns die Vorstellung, dass wir unsere eigenen Gedanken-Gärtlein, auch für wichtige Lebensereignisse, in unserer Phantasie anlegen und bewirtschaften können: Lebenskunst heißt, mit sich selber ins Gespräch zu kommen, für sich selber zu sorgen. Und sei es mit einem Gedanken-Garten.  Das Schlusswort fand die älteste Teilnehmerin: „Begrenzung ist wichtig! Im eigenen Rahmen bleiben, mit den eigenen Kräften wirtschaften!“

– Ich danke allen, die teilgenommen und mitgedacht haben, die sich der Situation eines solchen Gesprächs ausgesetzt haben und den Mut gefunden haben, dabei zu sein und mitzudenken und mit zu sprechen. Wir haben heute so selten noch Formate, Arten und Weisen des Zusammenseins, die tatsächlich  live sind.   Die Lebenskunstgespräche waren: lebendig, einzigartig, mündlich und nicht reproduzierbar,  spannend, lustig, nachdenklich und gelegentlich erinnernswert. Und denen, die nachgefragt haben: ja, vielleicht nächstes Jahr wieder!

Die Lebenskunstgespräche waren powered by: Barbara und Lothar Kammer, Jörg Stauvermann, Martina Aevermann, Frau Annegarn, Susanne Fuchs und Martin Raible.  Und Donald, dem quintessentiellen Lebenskünstler.

 

Donald, der quintessentielle Lebenskünstler
Donald, lebt Lebenskunst

 

 

 

 

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