as-safr: die Ziffer. Schreiben lernen.

DSCN4252Gestern im Arabisch-Unterricht im Kulturtreff suchten wir mühsam die Buchstaben zu Wörtern zusammen. Im Arabischen wird der Buchstabe anders geschrieben, je nachdem, ob er am Anfang, in der Mitte oder am Ende eines Wortes steht. Manche werden nur von rechts verbunden, aber nicht nach links, andere, wie das Alef, das A, stehen immer allein. Das alles macht die Sache nicht leichter: Arabisch schreiben lernen.

Ich schreibe, vor mir die Tabelle mit den Buchstaben und ihren Schreibweisen, ich suche. Ich habe die Aufgabe, die Buchstaben, die unser Arabisch-Lehrer einzeln an die Tafel geschrieben hat, zu einem Wort zu verbinden. Bisher ists noch nicht gelungen, immer waren  Fehler in meiner Schrift. Ich muss an die Kinder in der ersten Klasse denken, die genau die gleiche  Aufgabe leisten müssen: einem Ton einen Buchstaben zuordnen, alle Töne hören, die richtigen Zeichen finden, verbinden. Keine leichte Sache.

Und nun:  as-safr,  das arabische Wort für die arabische Erfindung:  Null. Von dem Wort safr kommt unser Wort Ziffer . As-safr ist  seinerseits aus dem Sanskrit übersetzt:  sunya, das Nichts, die Leerheit.
Drei Buchstaben, sin, fa, ra , und ich habe sie richtig verbunden. Mein erstes arabisches Wort, mein erstes Zeichen, meine erste Ziffer, eine Chiffre.

DSCN4252Es geht darum, an sich bedeutungsleere Zeichen, pure Kringel,  zu bedeutungsvollen Zeichen zu machen, indem wir ihren Zusammenhang mit den Lauten verstehen, uns merken und sie dann auch aktiv verwenden können: schreiben eben.

Wir eignen uns das Fremde an, das erst leer erscheint, unverständlich, unverbunden, unbedeutend, und machen es zu unserem Eigenen, lassen es wichtig werden, bedeutend.  Wir verbinden uns und erschaffen dadurch Bedeutung und Verbindung.

Das ist Lernen, das ist An-Eignung des Fremden.

Im Kulturtreff sitzen an diesem Abend drei Frauen: eine Tochter eines vor fünfzig Jahren nach Deutschland eingewanderten Ägypters, die die Sprache ihres Vaters lernen will; eine zurückgewanderte Russlanddeutsche, die die Sprache ihres Deutsch-Schülers lernen will; eine Tochter eines Flüchtlings aus Schlesien, die die Sprache des Flüchtlings lernen will. Die deutschen Flüchtlinge nach dem Krieg nannte man damals Heimatvertriebene, aber sie waren natürlich auch Flüchtlinge, Habenichtse, die sich ganz neu eingliedern und anpassen mussten, und die keineswegs überall willkommen waren.
Und jetzt lernen wir von einem Flüchtling dessen Sprache, um uns wieder zu verbinden: mit unserer Herkunft, mit unserer Familiengeschichte von Flucht und Vertreibung, mit dem ewigen alten Akt der Menschheit: lernen und verstehen.
Das Unbekannte, Neue, Fremde, Bedeutungsleere zum Eigenen machen, An-eignen, Sich-vertraut machen.

Unsicherheit aushalten, Fehler machen, dranbleiben.
Und dann das erste eigene Wort in einer neuen Sprache:
sprechen, schreiben, verstehen.

Eine neue Welt tut sich auf. Eine Chiffre ist entschlüsselt.
So kann es gehen.

Dank an den Lehrer, Dank an die Mit-Lernenden.
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Eine Antwort auf as-safr: die Ziffer. Schreiben lernen.

  1. Dörte Müller sagt:

    Danke liebe Claudia für diesen Beitrag, der mich zutiefst berührt hat. Danke für die gute Idee, sich die Sprache anzueignen und damit offen zu werden und Heimat anzubieten.

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