Begleiten und sich selber verwandeln…

Der PhiloWinter in der Brücke ist nun vorbei, und am Schluss fragte eine Teilnehmerin: „Gibt es denn keinen PhiloFrühling?“
Die zehnten Philosophischen Wintergespräche hatten das Thema Begleitung, im Ehrenamt, privat oder beruflich: Begleitung von Menschen in herausgeforderten Lebenssituationen.
Die fünf märchenhaften Geschichten, die ich herausgesucht hatte,  dienten uns als Fallbeschreibungen. An diesen fünf „Fällen“ konnten  wir lernen, was Begleitung ausmachen kann.
Im letzten Märchen, Wassilissa die Wunderschöne,
wird die Heldin von einer Puppe begleitet, die ihr die Mutter auf dem Sterbebett geschenkt hat. Diese Puppe leitet nicht, sie entscheidet nicht, sie weiß es nicht besser, sie gibt keine konkreten Ratschläge. Sie begleitet, sie ist, mütterlich, weltweise,  bei der Heldin: Wassilissa nimmt, wie es alle Heldinnen tun, die Aufgaben des Lebens an, auch wenn sie noch nicht weiß, wie sie sie bewältigen kann. Die Puppe hilft, sie unterstützt, sie baut schließlich mit magischen Kräften einen Webstuhl, so dass die Heldin sich selber helfen kann, durch ihre eigene Arbeit.
Im sumerischen  Mythos  von Innana, der Himmelskönigin sahen wir Helferfiguren, die mit der dunklen Schwester der Heldin klagen, die wie ein Echo sind, ein Spiegel, in dem die Leidende sich nach einiger Zeit selber erkennen und sehen kann. Auch diese Begleiter kennen ihren Platz und ihre Rolle: sie fühlen mit, sie sind da, sie haben Zeit. Sie wollen nichts für sich selber in der Begleitung. Ähnlich das Pferd Fallada im Märchen Die Gänsemagd,
das ein Zeuge ist für die Demütigungen, die der Prinzessin auf ihrem Weg zum Thron begegnen: „… wenn das Deine Mutter wüsste…“ .  Durch die Anwesenheit des Zeugen wird die Erinnerung aufrechterhalten, daran, wie es richtig wäre, wo der angemessene Platz für die Gänsemagd ist: auf dem Thron. Der Zeuge sorgt dafür, dass die Heldin sich selber nicht vergisst.
Auch im Märchen Fundevogel 
gibt es einen sehenden Teil, der die Gefahr erkennt und ihr deswegen begegnen kann: wie so oft im Märchen geschieht die Entwicklung des Helden oder der Heldin durch Verwandlung, durch wiederholte Metamorphosen, bis eine Gestalt erreicht ist, in der ein gutes Leben möglich ist. Die Begleiterin teilt hier das Schicksal des von der Mutterfigur ungeliebten Bruders, ganz freiwillig, und begibt sich aus Geschwister-Liebe mit ihm auf Verwandlungsreise. Gemeinsam sind sie stark.
Die Nixe im Teich
ist ein Märchen über Begleitung auf Irrwegen: Die Begleiterin des verwirrten und verirrten Helden braucht viel Zeit und Geduld, muss den See umrunden, die Schafe hüten, sich selber verlieren und wiederfinden, um eine neue Ehe mit dem selben Partner einzugehen: als Veränderte.
Spiegel, Zeuge, Ermöglicherin, Gefahrensensor, Reisegefährtin sein, als Weltweise zur Seite stehen, mit-fühlen, aber nicht mit-leiden, Hilfe zur Selbsthilfe leisten, der Heldin Mittel an die Hand geben, aber nicht Verantwortung wegnehmen: … vielfältig sind die Aufgaben der Begleitung von Menschen auf ihrer HeldInnenreise. In Märchen und Mythen sind sie beschrieben, und im Gespräch können wir sie herausfinden, die Texte wie Fallgeschichten betrachten, und für uns selber und unsere eigenen Aufgaben unsere Schlüsse ziehen. Wir verändern uns selber, dadurch, dass wir andere Menschen begleiten. Wir verwandeln uns in die, die der Aufgabe gerecht werden können.
Ich danke der Brücke für die Gelegenheit zu den diesjährigen zehnten Philosophischen Wintergesprächen, und allen Teilnehmenden für die anregenden, gedankenreichen und auch zum Teil sehr fröhlichen Momente in den Sonntag-abendlichen Runden!
Jetzt kann der Frühling kommen, mit all seiner Magie, seinen Verwandlungen  und seinen Überraschungen…

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