Warten plus Hingabe = Erdauern. Der erste Workshop letzten Samstag war…

… wundervoll!

Wir sprachen über das Märchen ‚Jorinde und Joringel‘, und zeichneten den Weg des Helden nach: kreisförmig vom Ausgangspunkt durch das Tor zur anderen Welt (man könnte es auch Lernzone nennen), dann die Reise in der anderen Welt, Helfer werden gefunden, der Schatz wird entdeckt und geborgen, Lösung mit Hilfe des neuen Mittels, Rückkehr als Veränderter durch das zweite Tor in die bekannte Welt, den Schatz hüten.

Aber was wirklich wichtig war am Weg des Helden Joringel ist: er wartet, er hütet Schafe im fremden Dorf. Nachdem seine Liebste ihm genommen wurde, stürmt er nicht mit seinen Kumpels das Schloss der Erzzauberin, um sie zu befreien wie in einem dummen Hollywoodheldenfilm.
Er geht weg, in ein fremdes Dorf, er geht MIT seinem Kummer, nicht gegen den Schmerz. Er kämpft nicht, er lässt das Leiden zu und tut so, als sei das eine Gelegenheit zum Wachstum, nicht zum Heldentum. Zum Erdulden, nicht zum Kämpfen. Ich glaube, es waren die Mitscherlichs, die einmal sagten: „wer nicht leiden will, muss hassen.“ Dieser Held zeigt, dass das, was von außen wie Passivität aussieht, ein WEG ist. Der Weg des Helden ist der Weg nach innen. Und dieser Held hütet Schafe und findet dabei seine Intuition, er träumt von einer Blume und setzt diesen Traum um in die Realität, er geht über Berg und Tal, um diese Blume, von der er geträumt hat, zu finden. Er traut sich, in die Realität umzusetzen, wovon er träumt.

Warten, hüten, dulden, aushalten, Zeit vergehen lassen, nicht in die Aktivität flüchten, Handeln durch Nicht-Handeln…

Das Neue wächst organisch. Langsam. Bisschen so wie im Frühling. Braucht Zeit und Vertrauen, kommt aber ganz sicher.

Organisch. Die Lösung kommt, mit Zeit und Vertrauen, also mit Geduld. Und für Geduld braucht es Hingabe. Hingabe an das Problem, Hingabe auch an das Leiden, das durch das Problem ins Leben gekommen ist. Hört sich wenig heldenhaft an, aber wer es einmal erlebt hat, weiß: da ist sehr wohl Heldentum und Heldinnentum in der Hingabe.

Am Ende unseres Gesprächs in diesem vhs-workshop im ersten Stock des Reedereigebäudes am Hafen, in der Weite des Himmels und der See, fanden wir unsere Formel:

Warten plus Hingabe = Erdauern.

Nächsten Samstag, 13.4., ist wieder ein WARTEN-Workshop der vhs Föhr: um 16 Uhr im Reedereigebäude in Wyk am Hafen.
Bei jedem Wetter!

… und noch ein Buchhinweis: Verena Kast: Wege aus Angst und Symbiose. dtv, 1994. Das Wort ‚erdauern‘ stammt aus diesem Buch. Ich finde es so sehr geeignet, das Vertrauen zu beschreiben, das im Warten liegen kann und das Warten fruchtbar macht.
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