InselLebensGenüsse 6

Zeit, Köchinnen und kleine Füchse
Ende Oktober 2008

Die Herbststürme stehen vor der Tür und die Kollegin räumt ihren Garten auf für den Winter.
Unter ihrem Tomatendächlein hängen die buntesten Tomaten, in denen der Sommer steckt: Flaschentomaten, Cherrytomaten, gelbe Tomaten, grüne Tomaten, unreife Tomaten, Weinbergtomaten, ganz normale Tomaten…

Was tun damit?

Ich bekomme eine bunt gemischte Kiste, mit Lorbeerblättern und Rosmarinzweigen garniert.
Und ich mache daraus:

Föhrer Tomatenketchup

In Olivenöl brate ich zweidrei Zwiebeln und zweidrei Knoblauchzehen an und werfe nach und nach die kleingeschnittenen Tomaten dazu. Falls sie nicht schnell genug Wasser ziehen, gibt’s ein wenig heißes Wasser dazu. Und ein frisches Lorbeerblatt auch. Jetzt kommt die wichtigste Zutat: Zeit. Wie die italienischen Hausfrauen, so plane auch ich für diese Soße ca. 5 Stunden auf dem Herd ein, in denen sie leisest köchelt, ab und zu gerührt und kontrolliert, auf niedrigster Stufe, immer mal auch auf dem ausgeschalteten Herd. So wird sie süss!

Am späten Nachmittag streiche ich die Sosse durch ein Sieb und koche noch einmal unter Rühren auf und reduziere. Die Flüssigkeit wird gewürzt mit schärfstem Curry, mildem aromatischen Curry, grünem Tabasco, Salz und mit Einmachzucker eingekocht, allerdings nicht auf Marmeladen-
konsistenz, sondern auf dickflüssige Ketchupkonsistenz, also mit etwa zweidrittel der vorgeschriebenen Menge Einmachzucker.

Aufkochen, twist-off-Gläser oder twist-off-Flaschen, abkühlen, beschriften:
Föhrer Tomatenketchup.
Ist nicht unbegrenzt haltbar, daher in den Kühlschrank nach dem Abkühlen und gleich verwenden.

Mit den restlichen Tomaten mache ich eine Zeitkapsel:

Tomatenchutney

Ich brate Zwiebeln, Senfkörner und Rosmarinnadeln an, gebe die schön gewürfelten bunten Tomaten dazu und eine Handvoll Rosinen, die kalifornischen von sun maid. Das köchelt mit ein wenig Wasser nicht zu lang, denn die Tomatenstücke dürfen zum Teil erkennbar bleiben. Ich würze großzügig mit dunklem Balsamico-Essig und Cayenne-Pfeffer, Kardamom, schwarzem Pfeffer, ein wenig Honig und Salz und gebe dann Einmachzucker hinzu, etwa die Hälfte der eigentlich nötigen Menge. Das Ganze bleibt also relativ flüssig. Kochend in die mit kochendem Wasser ausgespülten twist-off-Gläser füllen, auf sehr sauberes Arbeiten achten. Auf den Deckel stellen, abkühlen lassen und dann beschriften. Kühl und dunkel stellen, nach zwei Monaten, so um die Wintersonnenwende rum, mal probieren. Auch in diesem Rezept ist Zeit drin, diesmal die Zeit, die wir warten müssen, bis das Chutney durchgezogen ist. Und dann haben wir den ganzen aromatischen Herbst wie in einer Zeitkapsel im Einmachglas.

 

Und hier noch eine Köchinnen-Geschichte, die ich bei Pema Chödrön* gefunden habe:

Kleine Füchse

Es ist die Geschichte von der missmutigen Köchin des Klosters, die ihren Trübsinn auch noch mit ihrem Tun und ihren Gedanken fütterte.

Eines Tages entschloss sie sich, Schokoladenplätzchen zu backen, um ihre Emotionen durchlässiger zu machen. Als die Plätzchen aus dem Ofen kamen, waren sie völlig angebrannt. Die Köchin stopfte sich die angebrannten Plätzchen in die Tasche und brach zu einem Gang durch die Natur auf.

„Mit hängendem Kopf stapfte sie den Feldweg hinab, den Kopf voller trübseliger Gedanken. ‚Wo sind denn die Schönheit und die Magie, von denen man uns da ständig erzählt?’ sagte sie zu sich selbst. In diesem Moment blickte sie auf und sah einen kleinen Fuchs, der auf sie zukam. Die Mühle der Gedanken in ihrem Kopf kam zum Stillstand, wie sie da mit angehaltenem Atem stand und den Fuchs beobachtete. Der Fuchs setzte sich vor sie hin und sah erwartungsvoll zu ihr auf. Sie griff in die Tasche und holte einige der Plätzchen heraus. Der Fuchs fraß sie und trottete dann langsam davon.“

„Ich habe heute gelernt, (erzählte die Köchin später im Kloster,) dass das Leben sehr kostbar ist. Selbst wenn wir uns darauf versteifen, die Magie zu blockieren, sie dringt doch zu uns durch und rüttelt uns wach.“

Kleine Füchse kommen eben zu Köchinnen.

* Pema Chödrön: Geh an die Orte, die du fürchtest. Arbor Verlag, Freiamt 2002, S.95f